Ein rundum gelungener Jahresabschluss. 

Im Dezember trafen wir uns zu einer zweitägigen Studienreise in die Niederlande sowie nach Nordrhein-Westfalen. Sie führte uns in die Städte Zwolle und Deventer, beides Hansestädte, sowie zum Schloss Senden ins Münsterland. Ziel der Exkursion war es, historische Stadtstrukturen, denkmalgeschützte Bauwerke und unterschiedliche Restaurierungsansätze kennenzulernen.

Zwolle

Vom Schloss Raesfeld aus führte uns die Reise zunächst nach Zwolle zum Treffpunkt „Eekwal“. Dort begann eine zweistündige Stadtführung, die einen Überblick über die Stadtgeschichte und ihre bauliche Entwicklung vermittelte.
Als erstes führte uns der Weg vorbei am Museum de Fundatie, ein Museum der bildenden Künste mit internationaler Kunstsammlung und wechselnden Ausstellungen. Das Gebäude beeindruckte uns sehr. Es handelt sich um eine Kombination aus einem klassizistischen Bau mit einer modernen Erweiterung auf dem Dach in Form eines riesigen ovalen Eis. Belegt wurde dieser Aufbau mit 55.000 weiß-blauen eigens dafür entworfenen Fliesen. Mittendrin ein Glasfenster auch Auge genannt von dem man einen eindrucksvollen Blick auf die Altstadt Zwolles haben soll.

Weiter ging es zum Denkmal von Johan Cele, einer bedeutenden Persönlichkeit Zwolles. Er war unter anderem 40 Jahre Rektor der Lateinschule und gründete im 15. Jahrhundert die erste weiterführende Schule der Welt, die seit dem 19. Jahrhundert Gymnasium genannt wird. Zur Blütezeit hatte die Schule 800 bis 1000 Schüler bei einer Stadtgröße von weniger als 5000 Einwohnern. Die Statue wurde 2013 auf einem kleinen Platz, in der Nähe des Ortes aufgestellt an dem Johan Cele wirkte.
Anschließend ging es ins Rathaus, es stammt aus dem 15. Jahrhundert mit einem modernen Anbau von 1975. Hier durften wir uns, unter anderem, den Gewölbekeller anschauen.

Es folgte die Sint-Michaelskerk, die Grote Kerk, eine riesige wunderschöne und beeindruckende gotische dreischiffige Hallenkirche, in der verschiedene Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden. Die ursprünglich romanische Kirche wurde im 14. und 15. Jhd. zur Hallenkirche umgebaut. Sie hatte einst einen 115 Meter hohen Turm, der 1669 vom Blitz getroffen und stark beschädigt wurde. 1682 stürzte der Turm schließlich ein. Nach der Reparatur der Kirche bekam sie 1721 eine neue Arp Schnitger Orgel, der Turm wurde nicht wiederaufgebaut. Besonders beeindruckend waren die spätmittelalterlichen Wand- und Gewölbemalereien, die imposante Kanzel und die monumentale Arp Schnitger-Orgel.

Vor der Kirche befindet sich der Grote Markt mit seinen historischen Kaufmannshäusern und eine Glasskulptur des Erzengels Michael.
In den Niederlanden werden viele Kirchen umgenutzt, so auch die Broerenkerk eine alte Klosterkirche aus dem 15. Jahrhundert, in der sich ein Buchladen befindet. Hier treffen Kultur, Geschichte und Lesevergnügen aufeinander.
Besichtigt haben wir außerdem die Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung, das Sassenpoort als bedeutendes Stadttor. Es handelt sich um ein imposantes Torhaus mit zwei Türmen, welches 1406 erbaut wurde. An diesem Torhaus, – das einzig erhaltene Tor der Stadtmauer – wurde Trachyt, Tuffstein und Bentheimer Sandstein verbaut. Es handelt sich um ein inneres Tor, innerhalb der äußeren Stadtmauern gelegen. Auf der Vorderseite, zwischen den beiden Türmen, befindet sich ein Anbau mit Wurflöchern im Boden, dort konnte kochendes Pech über eindringende Feinde gegossen werden.

Impressionen

Die abwechslungsreiche Führung gab uns Einblick in die Geschichte der Hansestadt.

Deventer

Wir starteten an der Bergkerk, einem der markantesten historischen Bauwerke der Stadt, wo uns unsere nächsten StadtführerInnen erwarteten. Im Mittelpunkt der Führung stand das Bergkwartier, ein Viertel mit zahlreichen gut erhaltenen Wohn- und Handwerkshäusern aus dem Mittelalter. Hier wurde das Restaurierungsprinzip erläutert, das auf Substanzerhalt, Reparatur vor Erneuerung und eine klare Ablesbarkeit historischer Bauphasen setzt.
Die Restaurierungsgeschichte des Bergkwartier in Deventer ist ein Vorzeigeprojekt des niederländischen Städtebaus. Nach starkem Verfall in den 1950er Jahren wurde die NV Bergkwartier gegründet, die in den 1970er Jahren mit staatlicher Förderung mittelalterliche Häuser kaufte, restaurierte und vermietete, was das Viertel vor dem Abriss bewahrte. Viele Gebäude wurden unter Denkmalschutz gestellt. So prägen die engen Gassen und die liebevoll restaurierten Bürgerhäuser aus dem 14. bis 17. Jahrhundert und die sich darin befindlichen Geschäfte und Cafés das Viertel.

Weiter führte der Rundgang über den zentralen Marktplatz de Brink, umrundet von vielen Cafés. Beeindruckend war das alte Wiegehäuschen „De Waag“ auf der einen Seite des Platzes. Deventer ist eine der ältesten Städte der Niederlande, seit dem Mittelalter herrschte hier reger Handel. De Waag wurde 1528 erbaut, hier mussten alle Kaufleute und Händler ihre Waren wiegenlassen, bevor sie diese auf dem Markt verkaufen durften.

Durch das historische Stadtzentrum mit seinen schönen Fassaden ging es weiter zur Lebuinuskirche. Es dämmerte bereits als wir dort die 220 Stufen des Turms hinaufstiegen. Wir stoppten unterhalb der Laterne und bewunderten das Gewölbe, ein Plumpsklo und das Hemony-Carillion. Es ist ein sehr altes Glockenspiel mit einer Trommel von 1866. Von den originalen 33 Hemony-Glocken sind heute noch 31 erhalten. Sie wurden 2009 umfassend restauriert und durch 22 neue Glocken ergänzt. Dann stiegen wir die letzten Stufen empor, bis zur Basis der Laterne. Dort befindet sich eine kleine Plattform von der wir einen tollen Ausblick auf das erleuchtete Deventer und die Ijssel genießen konnten.
Im Anschluss hatten wir etwas freie Zeit um die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Eine kleine Gruppe nutzte sie um die Bergkerk noch von innen anzusehen, bevor der erste Reisetag beim gemeinsamen Abendessen in heiterer Atmosphäre endete. Wer zu müde war, den Weg zu Fuß zu laufen nahm sich ein Taxi zum Hotel, andere genossen den nächtlichen Spaziergang entlang der Ijssel.

Impressionen

Wir erkundeten das Bergkwartier, ein Vorzeigeprojekt des niederländischen Städtebaus.

Schloss Senden im Münsterland

Am Samstag ging es zurück über die deutsch-niederländische Grenze zum Schloss Senden bei Münster. Dort wurden wir von Dr. Franz Waldmann vom Trägerverein Schloss Senden empfangen. In einer rund zweistündigen Führung stellte er das im 15. Jahrhundert errichtete Wasserschloss vor, das im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut, erweitert und an wechselnde Nutzungen angepasst wurde.
Die Adelsfamilie Drosten zu Senden residierte bis 1957 in diesem Schloss. Anschließend befand sich dort über viele Jahre eine Privatschule mit Internat, kurzzeitig ein Hotel und danach stand es lange leer. Das Schloss besteht aus mehreren Gebäudeteilen, jedes Jahrhundert kam sozusagen ein Gebäudeteil hinzu. Das Herrenhaus wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet, später kamen ein Turm, die Remise und Fachwerkhäuser, das schiefe Manneshaus 1719 und 1899 schließlich der Rombergstrakt als zweites Herrenhaus hinzu.
Herr Waldmann erzählte uns von der Gründung des Vereins und dem Erwerb des Schlosses, von den ersten Sicherungsmaßnahmen am Dach und den Fenstern, vom Aufbringen der Gelder und Spenden, vom Erstellen neuer Fundamente für das Manneshaus, der Restaurierung der Glocke und der Errichtung eines neuen Turms aus Eisen auf dem Rombergtrakt, von der Befreiung des Giebels vom Zementputz der 60er Jahre sowie vom Einbau der ersten Fenster. Weiter berichtete er uns von der geplanten Nutzung und den weiteren geplanten Maßnahmen. Er gab uns einen spannenden Einblick in das Restaurierungskonzept zur Erhaltung des Schlosses, das auch zur Diskussion anregte.
Nach der gemeinsamen Rückfahrt nach Raesfeld ließen wir diese gelungene kleine Studienreise beim Restauratorenabend der Fachgruppe im Rittersaal auf Schloss Raesfeld in gemütlicher Runde ausklingen.

Impressionen

Ein Trägerverein setzt sich für die Erhaltung und Restaurierung ein. Für uns gab es spannende Einblicke.

Text und Fotos © Daniela Clever